Dienstag, 11. Oktober 2011

Levi friert

Ich wache auf, weil Levi unruhig seinen bemützten Kopf hin und her dreht. Es ist stockdunkel in unserer Jurte. Keine Sterne zu sehen. Jemand muss unsere Dachluke geschlossen haben. Ob es regnet? Nichts zu hören. Auch der Ofen knistert nicht mehr. Es ist totenstill. Nur Levis Kopfbewegung und das Rascheln des Kissens. Und Markus leises gleichmäßiges. Atmen. Den kann echt nichts aus der Ruhe bringen. Beneidenswert.

Ich greife nach der Stirnlampe auf meinem Nachttisch und da bemerke ich es. Es ist richtig richtig bitterkalt. Also: kalt war es eigentlich jede Nacht. Die Jurten sind dann ja doch nur runde Zelte mit Ofen. Und wenn der aus ist, wird es halt ziemlich schnell ziemlich kalt. Aber so kalt?

Ob das der Wintereinbruch ist, vor dem wir gewarnt wurden? Herbst und Frühling sind in der Mongolei eigentlich nicht existent. Einem kurzen Sommer folgt ein langer unerbittlicher Winter, hatte Nara uns auf unserer Jeepodyssee erzählt.

Levis Augen schauen mich mittlerweile aus dem Fleeceanzug und dem Berg an Decken, mit denen wir ihn die letzten Nächte erfolgreich warm gehalten haben an. Intuitiv fahren mein Zeige- und Mittelfinger Levis Nacken entlang und ich erstarre: nicht die bekannte sanfte Wärme. Auch nicht der Schweiß, weil ich ihn in den letzten Nächsten oft zu warm eingepackt hatte. Die Nächte in der Mongolei waren neben stundenlangem in den Sternenhimmel schauen vom ständigen Zu, Auf- und wieder Zudecken Levis gekennzeichnet. Aber irgendwie haben wir es dann doch immer hinbekommen, ihn wohltemperiert durch die Dunkelheit zu bringen.

Und jetzt? Sein Nacken ist kühl. Und seine großen Augen schauen mich irgendwie anders an als sonst.
Panik kriecht in mir auf. Ich rüttele Markus wach, hole wie ferngesteuert das Fieberthermometer und erstarre. Levi hat 35,5 Grad Körpertemperatur. Geht das überhaupt? Scheiße.

Trotz täglicher Ermahnungen unserer mongolischer Gastgeber, nicht eigenmächtig den Ofen zu entzünden – sie befürchten, dass wir dadurch die Jurte, oder schlimmer noch das gesamte Camp abfackeln könnten – schürt Markus das Feuer an, ich mache eine warme Babymilch und lege den Rest der Decken auf unter und neben Levi. 

Mein Magen kribbelt, meine Füße melden Flucht, Tränen kullern mir übers Gesicht, aber meine Hände funktionieren. Vielleicht ist das Thermometer kaputt? Die Probemessung an mir ergibt 36,9 Grad. Shitshitshit. Ich streichle Levis Wangen und nach 20 Minuten steht ihm der Schweiß auf der Stirn. Also wieder Abdecken. Die zweite Fiebermessung ergibt 36,4 Grad. Also Weitermachen. Nach 45 Minuten zeigt das Ding 37,1 Grad an und Levi schnarcht wieder ruhig und zufrieden vor sich hin.

Jetzt steht mir der Schweiß auf der Stirn. Kalter Schweiß. Ich glaub, mir reicht’s mit der Mongolei, sage ich schuldbewußt. Markus nimmt mich in den Arm, aber schlafen können wir beide nicht mehr. Außerdem müssen wir ja regelmäßig Holz und getrockneten Yakdung nachlegen.

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Kommentare:

  1. Ich lese deinen Blog täglich und find ihn wahnsinnig spannend. Tolle Bilder, tolle Berichte ;)Ich hoffe dem Kleinen gehts wieder besser und ihr habt die Nacht gut überstanden. War es die Außentemperatur oder zu schlechte Kleidung? Ich hoffe also auf gute Nachrichten die kommenden Tage und mach weiter so

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  2. Jeden Tag mache ich diese spannende Reise mit,aber nun wird es Zeit,dass Du mir meinen Levi nach hause bringst.Mein Kleiner soll nicht frieren.

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  3. Mama??!! Dass ist ja cool, dass Du unseren blog verfolgst!! Levi geht es gut bis auf einen kleinen Schnupfen, mach Dir keine Sorgen - ist doch ein Reisezwerg!!! Bis ganz bald, Julia und Levi

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  4. Hui, da habt Ihr ja Glück gehabt! Ich wünsche Euch solches in reichen Mengen für Eure Zukunft! Gut, dass Levi es gepackt hat! Er wird in dieser so intensiven Zeit unglaublich viel lernen - viel mehr, als Ihr Euch vorstellen könnt! Es wird ihn für sein Leben prägen.
    Bitte umarmt Euren kleinen Pracht-Tiger einmal für mich unbekannter Weise.
    Solveig aus Melle

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