Montag, 31. Oktober 2011

Kindererziehung auf chinesisch


Heute eröffnet das Kinderhaus, commune of the children. Gäste können hier mit ihren Kids ab 0 Jahren spielen oder sie zur Betreuung abgeben. Abgeben möchte ich Levi an diesem letzten Tag unserer gemeinsamen ersten großen Reise nicht. Das passt nicht. Aber ich möchte ihm gerne den Spaß ermöglichen, mit anderen - chinesischen - Kindern zu toben. Denn er weiß ja nicht, dass wir morgen nach München zurückfliegen. Und ich mich deswegen ein bißchen sentimental fühle. Also los. 

Nach unserem gemeinsamen Frühstück, in dessen Rahmen Levi den gesamten Boden in einem Radius von 1 Meter um seinen Babysitz herum voll krümelt und versucht, mit Chop Sticks den Obstsalat aufzuspießen stehen wir in strahlender Sonne und kühler frischer Bergluft vor einem weißen einstöckigen Gebäude mit mosaikbesteintem Pool ohne Wasser und riesigem weißen Betonklotzschild mit der Aufschrift: Commune of the children.

Levi krabbelt mehrmals um den Betonklotz herum, um sich dann dem Rasen zu nähern. Vorsichtig hebt er an der Grenze zwischen Stein- und Grasfläche eine Hand. Schaut mich an. Ich nicke zustimmend und lache ihn dazu ermutigend an. Er zieht die Hand wieder weg. Das wiederholt sich geschätzte 148.000 Mal. Bis er sich ein Herz fasst, die Hand absinken lässt und die Grasspitzen streichelt. Um dann loszuspeedkrabbeln. Über den gesamten Rasen. Laut juchzend.
Den Charakterzug kenne ich an ihm mittlerweile sehr gut. Beim ersten Mal wird alles, was ihm neu erscheint vorsichtig beäugt und erst einmal abgelehnt. Um sich nur Sekunden später wieder anzunähern. Und es doch noch einmal zu probieren. So ist er mit allem. Beim Essen, beim Spielen, bei Menschen. Erst einmal vorsichtig. Und dann stürmisch.

Durch unsere gemeinsame Reise habe ich viele seiner Charaktereigenschaften und Eigenarten intensiv kennengelernt. Und auch gemerkt, dass es Seiten an ihm gibt, zu denen ich keinen Zugang habe. Da will er für sich sein. Wie jetzt zum Beispiel. Er sitzt auf dem Rasen, lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen und macht scheinbar gar nichts außer „nachzudenken“. Und ich frage mich zum wiederholten Male, was wohl in ihm vorgeht. Denn er macht das öfter. Einfach so dasitzen. Gedanken versunken. Dann ist er mir ein Stück weit fremd. Oder anders ausgedrückt: dann ist mir ganz klar, dass dieser kleine Kerl auch ein Eigenleben hat, zu dem ich keinen Zugang habe. Das mich auch gar nichts angeht. Und ich frage mich, ob das so bleibt. Oder ob die unbekannten Seiten mit seinem zunehmendem Alter eher zu- oder abnehmen. Vermutlich beides?

Natürlich habe ich derartige Momente auch vor unserer Reise schon erlebt. Aber hier, in dieser Intensität unseres Zusammenseins sind mir eben auch die abgrenzenden Erlebnisse, die sowohl ich als auch er – offensichtlich, wenn ich ihn so alleine vor sich hin sinnierend beobachte – brauchen, sehr bewußt geworden. Und so sehr ich ihn liebe, genauso sehr vermisse ich diese Momente für mich. Ein bißchen habe ich die natürlich, nach seinem Rhythmus, denn ich setzte mich jetzt auch in den Rasen, in einiger Entfernung zu Levi, blinzle in die Sonne und denke darüber nach, warum diese Reise die Erste ist, bei der ich auch ein kleines bißchen froh bin, dass sie morgen zu Ende geht. Normalerweise habe ich das nie. Aber vermutlich genau deswegen. Oder anders ausgedrückt: würden wir weiterreisen, bräuchte ich für eine Woche Wärme, einen Strand, einen Ort an dem wir verweilen könnten und eine Person, die hie und da mal auf Levi aufpasst. Danach wäre ich wieder fit für „die Straße“. Denke ich.

Bevor es zu sentimental wird stürmen wir das Innere der Kinderkommune. Im Erdgeschoß finden wir eine Kinderküche, aus der es nach frisch gebackenen Keksen duftet. Und die üblichen Wasch-, Toiletten- und Schlafräume in Zwergengröße. Selbstgemalte Bilder an den Wänden. Rasseln und mit Miniaturkuhglocken ausgestattete Armbänder in Kisten unter mit bunten Kissen verzierten Sitzbänken. Malstaffeleien und einige Tische mit kleinen Holzstühlen drum herum zum Malen und Knetgummi formen. Alles so, wie ich es aus schon vor Levis Geburt besichtigten Kitas in München kenne. Wobei die Helligkeit und Großzügigkeit dieser Kita hier schon herausragt.

Nachdem Levi sich an den Rasseln und Glocken ausprobiert hat gehen wir in den zweiten Stock. Da sei eine Babyecke, sagt uns eine der zwei Betreuerinnen, die derzeit außer Kekse zu backen nicht viel zu tun haben, denn neben Levi spielt nur noch eine scheinbar geistig leicht behinderte 12jährige hier. Leider zeigt sie bisher kein Interesse an uns, also los, zur Babyecke.

Oben laufen wir zuerst auf eine kleine in weißem Holz gehaltene Kinderteeecke zu. Ein Tisch, einige kleine Hocker, Kinderteegeschirr, 5 bunte traditionelle chinesische Lampen darüber. Rechts davon befindet sich wieder eine weiße Tisch-Stuhlecke auf pinkem Teppich und mit roten und rosafarbenen Kissen bestückt. Auf dem Tisch und den umrahmenden Regalen sind Kuchen, Besteck, Teller, Küchengeräte – alles aus Holz – drapiert. Einige Meter weiter finden wir eine ähnliche Ecke, nur auf grünem Teppich und mit grünen und blauen Kissen. Auf dem Tische und den Regalen warten Autos, Züge, Pistolen – auch wieder aus Holz – auf die Fantasie der kleinen Besucher. Ich setzte den mittlerweile ungeduldig zappelnden Levi auf den Boden. Der krabbelt schnurstracks zur pinken Ecke, um mit konzentriert gespitzten Lippen in ein zwanzigminütiges Kuchenbackspiel zu versinken.

Derartig nach Geschlechterrollen getrennte Bereiche sind mir in den Münchner Kitas nicht aufgefallen. Ob hier Mädchen und Jungs getrennt spielen, oder ob Jungs und Mädchen sich vermischen und nur für unterschiedliche Aktivitäten unterschiedliche Räume haben? Oder stolpere nur ich mit meiner betont emanzipatorisch geprägten Erziehung über diese Anordnung.  Also: warum ist die Küche nicht blau und der Zug rot? Oder ist das völlig wurscht? Für Levi scheint es derzeit noch so zu sein.
Die Babyecke ist voller Plastikschaukelfantasiefiguren, die einem japanischen Komik entsprungen scheinen: Knallfarben, große runde Kulleraugen, irgendwie spacig. Pinke noppige Bälle von der doppelten Größe eines Fußballs können von Levi mühelos durch die Gegend geschleudert werden – da sie nichts zu wiegen scheinen. Levi ist begeistert. Und wackelt abwechselnd zwischen den Platikfantasielassies und dem pinken Ball hin und her.

Am hinteren Ende des Raumes finden wir den Videoraum: Zwei riesige Plasmafernseher an der Wand, Stuhlreihen davor, ein Regal voller DVDs und CDs. Mehrere Fernbedienungen. 13 Tugenden zum Mitsingen und Auswendig lernen. Chinesisch und Englisch. Steht auf einer CD, die meisten anderen sind mit für mich unleserlichen chinesischen Schriftzeichen bemalt.

Am anderen Ende des Raumes finden wir die Verkleide-Dich Ecke. An der Wand ein großes gemaltes Bild von der Welt, mit China in der Mitte und den beiden Schlappohren Nord- und Südamerika zur rechten und Europa mit Afrika zur linken Seite. Sieht lustig aus, die Welt so zu sehen. Unter der Welt sind gemalte Paare abgebildet. In traditioneller Bekleidung: Chinesen mit Reishut und roten Seidengewändern; Holländer mit gelbem Haar, Holzschuhen und blau-weißer Bekleidung. Amerikanische Cowboys und –girls. Mittelalterlich anmutende Italiener. Peruaner, die mit Panflöte ausgestattet auch in unseren Einkaufsstraßen sitzen könnten. Keine Deutschen, leider.
An der Wand daneben eine Kleiderstange mit den dazu passenden Kostümen. Levi greift sich den chinesischen Hut und fängt an, daran herum zu kauen.
Zu gerne würde ich ihn hier inmitten chinesischer Kinder spielend beobachten. Aber leider bleiben wir neben der Zwölfjährigen, die zwar einige Male nach uns geschaut hat, aber dann doch nicht, trotz aufmunternder Winksignale meinerseits, zu uns gekommen ist, die alleinigen Besucher.

Kaum haben wir dieses Kinderparadies der irgendwie bekannten und irgendwie auch unbekannten Art verlassen, da fallen Levi die Augen zu. Und schenkt mir so eine Stunde Zeit in der Sonne. Reisen ist doch mit das Beste, was ich in meinem Leben machen kann, denke ich zufrieden und hoffe, dass es für Levi genauso schön war.

Beitrag kommentieren

Kommentare:

  1. Das ist ein spannender Einblick in eine ganz andere Welt. Ich glaube allerdings, dass es Kindern noch vollkommen egal ist, welche Farben ihre Spielsachen haben. Das kommt erst später durch die gesellschaftliche Prägung. Bei uns in Innichen Südtirol kommt es auch durchaus vor, dass ein richtiges kleines Mädchen mehr auf blau als pink steht und ein Junge "kochen" spielt. Sie tun halt, was sie spannend finden. :)

    AntwortenLöschen
  2. Hallo,

    ich finde es ja bewundernswert, dass du so weit mit Levi gereist bist. Ich würde mich das nicht trauen. Die vielen DVDs schon für ganz Kleine finde ich in China allerdings etwas...nun ja, bedenklich? Vielleicht bin ich da auch zu altmodisch gestrickt. Aber meine Kinder schicke ich zum spielen an die frische Luft, oder Freunde kommen zum Spielen.

    AntwortenLöschen