Samstag, 24. September 2011

Abschiedsschmerz


Levi hockt vor der gepackten Tasche. Schiebt seine Nase vor, zappelt, legt seine Hände oben auf die Tasche, stellt sich auf. Schaut sich nach mir um. Ist immer wieder stolz, wenn er steht. Seit Monaten. Ich auch. Dann zupft er mit gespitzten Lippen am Reißverschluss. Bohrt seine kleinen Finger ins Innere der Tasche und zieht ein Lätzchen hervor. Und einen Strumpf. Schaut mich an. Jetzt müsste ein triumphierendes Lachen kommen. Aber es kommt nur ein Blick und ein Lächeln. Dann krabbelt Levi so schnell er kann mit der Beute in Richtung Küche.

Leeevi, begrüßt Natascha den Dieb. Und dann ein Schwall melodiöser russischer Worte. Levi scheint sie zu verstehen. Wie verzaubert sitzt er vor Natascha, seine Augen leuchten, sein Mund zu einem weiten lautlosen Lachen aufgerissen. Er zittert vor Glück. Lätzchen und Strumpf fest umschlungen. Ich habe den Eindruck, dass Levi zum ersten Mal in seinem Leben begreift, was Aufbruch und Abschied bedeuten. Oder zumindest ein Gefühl hat. Ein Vorgefühl. Und er will nicht Er will hier bleiben. Ich bin mir ganz sicher. Bei Natascha. Und Maryanna. Seiner 11-monatigen Freundin. Mir geht es genauso.

Die Küche war in den letzten Tagen ein Ort familiärer Geborgenheit, dass ich gar nicht weiß, ob ich einfach nur sentimental bin oder ob hier wirklich etwas ganz ganz besonderes passiert ist. Dass ich so ein Großfamilienmensch bin? Aber es muss ja gar nicht die eigene Familie sein. Meine ist dafür sowieso nicht geeignet. Alle irgendwo verstreut und untereinander latent konfliktbeladen. Aber sicher ist, dass es Levi gefällt und guttut, mit vielen anderen Menschen zu leben. Zumindest in den letzten Tagen gutgetan hat. Und mir auch.

Im Auto auf dem Weg zu unserem Fischkutter drückt er seine kleinen Hände gegen die Fensterscheibe. Verdreht seinen Kopf. Schaut nach Natascha. Lacht sie an und stößt gleichzeitig Laute des Missfallens aus.

Kaum auf dem Boot fällt er in einen Levi typischen Protestschlaf. So kann ich ihn in der Kajüte bei den zwei Käptns ablegen und mich nach draußen in den eisigen Wind stehlen. Bloß nicht zurückschauen. An die Kajütenaußenwand angelehnt, an der windabgewandten Seite, bin ich ganz ruhig und kribbelig zugleich. Ich spüre eine enorme Leere und bin gleichzeitig so voll und vollkommen glücklich von den letzten Tagen in Bolshoi Koty.
Mit dem Finger wische ich mir eine Träne aus den Augen – muss von dem kalten beißenden Wind kommen.

Julia! Eine Stimme hinter mir. Alicer, der Vater von Maryanna. Er reist auch nach Irkutzk. Er kann leider kein Englisch und so hatten wir uns in den letzten Tagen eher weniger zu sagen. Mein Eindruck war auch, dass er dazu eher keine Lust hatte. Sich in die Frauenrunde einzumischen. Trotzdem hat er gerne mit Maryanna und Levi gespielt, Bücher gelesen. Er hat es geradezu genossen, mit Levi wilder auf der Schaukel zu toben, als er es sich mit der zerbrechlicher wirkenden Maryanna getraut hat. Ansonsten hing er irgendwie nutzlos in der Gegend rum. Einmal sagte Nadia auf meine Frage wo Maryanna sei: bei ihrem Vater. Useful man! Und lachte dazu mit blitzenden Augen. Und schwupps, hatte ich sie aufgemacht, die Schublade vom herumlungernden nicht besonders kommunikativen oder aktiven sibirischen Mann und den fleißigen, freundlichen Frauen.

Aber nicht nur deswegen steht mir im Moment wirklich nicht der Sinn nach Kommunikation. Auch nicht nach nonverbaler.

Ich fliege nach Tokyo, erklärt er mir in einem Vielsprachengemisch.
Aha.
Ich habe in drei Monaten dort japanisch sprechen und lesen gelernt.
Ahaaaa!!
Ich spreche russisch, arabisch und japanisch. Er erklärt mir, auf einmal einiger Brocken Englisch und einer sehr kreativen aktiven Gestik mächtig, dass er aus Usbekistan stammt, aus Taschkent. Seine etwas dunklere Haut und seine pechschwarzen Haare, hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden sind auf einmal Symbol einer spektakulären Herkunft und weniger sibirjakischer Nachlässigkeit.
Seine große Liebe, Flora, hat er dort zurückgelassen. Ohne Kinder. Nadia sei seine zweite Frau. Ob er das jetzt chronologisch meint oder parallel zwei Familien betreibt – ich frage lieber nicht nach, hoffe ersteres, vermute zweiteres. Ist ja auch sein Leben. Und Nadia wirkt auch so, als könne sie Entscheidungen selbst treffen. Kaum dass er den russischen Pass hatte, ist er aufgebrochen nach Japan. Dort sei es jetzt warm, im Meer kann man baden. Nicht so, wie hier am Baikal, erzählt Alicer. Auch der schöne Name macht auf einmal Sinn.

Mann, Mann, Mann, dieses beschissene voreilige Schlüsse ziehen. Ganz uncool. Und so oft so was von völlig daneben. Ein ehrgeiziger, talentierter, interkulturell erfahrender offener Mann. Und die mit Baby durch Sibirien reisende Mama, die sich für so wahnsinnig tolerant hält. Und vorurteilsfrei. Aber gut, wie Alicer so in der Küche geschlafen hat, als wir alle herumgewerkelt haben...es gab schon Indizien...jajaja.

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